Unser Ansatz

Digitalisierung, demografischer Wandel, Klimakrise, bedrohte Demokratien – aktuell stehen Kulturorganisationen und deren Führungskräfte vor großen Herausforderungen. Es gilt, Kulturorganisationen und ihre Führungskräfte zu stärken, damit sie nachhaltig agieren und gesellschaftliche Wirkung erzielen können. Das Konzept „Cultural Leadership“ liefert wichtige Impulse, um Organisationen und Menschen in Führungspositionen zu unterstützen.

Cultural Leadership braucht Kompetenzentwicklung

Der gegenwärtige gesellschaftliche Wandel mit seinen disruptiven Veränderungen erfordert gerade im Kulturbereich ein angepasstes Führungsverständnis. Insbesondere in Bezug auf die Themen Agilität, Digitalität, Diversität oder Nachhaltigkeit bedarf es neuer Qualifikationen, die wirkungsvolle Führung ermöglichen. Als neues Steuerungsideal setzt das Konzept des Cultural Leadership dafür zwei kulturpolitisch hochrelevante Einflussbereiche zueinander in Beziehung: Die Herausforderungen stimmiger Führung in Kunst und Kultur verbunden mit der Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung. Um dieses Ideal in den Organisationen zu verankern, bedarf es neben Organisationsentwicklung ebenso gezielter Personalentwicklung. Inspiriert von Modellprojekten in Großbritannien greift das neu gegründete Cultural Leadership-Stipendienprogramm diesen Bedarf auf. Es ist das erste, öffentlich geförderte Programm zur Cultural Leadership-Kompetenzentwicklung in Deutschland.

Das Institut für Kultur- und Medienmanagement der HfMT Hamburg setzt das Programm in Kooperation mit dem Institut für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft um. Die Vision der Kooperationspartner ist es, in Zukunft bundesweit Weiterbildungsmöglichkeiten für Cultural Leadership auf verschiedenen Entscheidungsebenen anbieten zu können. Das Pilotprojekt Cultural Leadership-Stipendienprogramm 2023/24 in Nordrhein-Westfalen legt dafür den Grundstein. Es wird gefördert durch die Kulturstiftung der Länder und das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen.
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Das zugrundeliegende Cultural Leadership-Konzept

Das Cultural Leadership Konzept
Die zwei Lesarten des Cultural Leadership-Konzepts © Martin Zierold

Der Ansatz des Programms fußt auf dem Anfang der 2000er entstandenen Cultural Leadership-Konzept, das die Führung in und von Kulturorganisationen als Hebel für Veränderung begreift. Während Ansätze des Kulturmanagements in den letzten Jahrzehnten dadurch geprägt waren, Konzepte aus der Betriebswirtschaftslehre auf das Feld von Kunst und Kultur zu übertragen, steht Cultural Leadership für ein neues, für den Kulturbereich spezifisches Verständnis von Führung. Dabei berücksichtigt es die Eigenlogiken von Kulturorganisationen und nimmt deren gesellschaftliche Rolle als Ausgangspunkt.

Der Begriff Cultural Leadership vereint zwei Lesarten, die sich wechselseitig bedingen und befruchten:

  1. Cultural Leadership als Führung für bzw. in Kulturorganisationen.
  2. Cultural Leadership im Sinne der eigenen „kulturelle Führungsrolle“ und eines kulturprägenden gesellschaftlichen Anspruchs.

In today’s challenging times we need a more expansive understanding of cultural leadership that is less about leading cultural institutions more effectively and more about leading the culture.

Graham Leicester

So formuliert Graham Leicester den Grundgedanken von Cultural Leadership prägnant in seinem Aufsatz „Real Cultural Leadership“ (2010). Unter dem Eindruck deutschsprachiger „Leitkultur“-Debatten sei jedoch betont, dass die weite Lesart sich weniger als Forderung nach einer exklusiven Führungsrolle von Kulturorganisationen für die Gesellschaft versteht, sondern als Anspruch, in gesellschaftlichen Transformationsprozessen nicht abgekoppelt an tradierten Formen festzuhalten, sondern sich aktiv mitgestaltend einzubringen.

Die Genese des Konzepts

Seinen Ursprung hat der Begriff Cultural Leadership in Großbritannien Anfang der 2000er Jahre (vgl. Price 2016). Ende der 1990er Jahre gerieten in kurzer Folge eine Reihe von national bedeutsamen Kulturinstitutionen wie das Royal Opera House, das British Museum oder die Royal Shakespeare Company in weit beachtete Führungsturbulenzen. Daraufhin war es nicht zuletzt die Kulturpolitik, die eine kritische Debatte über die Führungskultur und vermeintlich mangelnde Führungskompetenzen des Sektors forcierte. In der Folge dieser kritischen Reflexion wurden in Großbritannien mehrere gut ausgestattete Qualifizierungsprogramme ins Leben gerufen, darunter das bis heute international höchst renommierte Clore Leadership Programme, das 2003 von der Clore Duffield Foundation initiiert wurde, sowie das staatlich finanzierte Cultural Leadership Programme, das 2006 mit persönlicher Unterstützung des damaligen Schatzkanzlers und späteren Premierministers Gordon Brown startete. Der so eingeführte Begriff „Cultural Leadership“ prägte den britischen Diskurs maßgeblich und war der Ausgangspunkt für eine Reihe weiterer Qualifizierungsangebote und Konferenzen in Großbritannien.

Zugleich wurde das Konzept in den 2010er Jahren auch international vermehrt aufgegriffen. Für eine weite Beachtung in Europa sorgte das u.a. mit EU-Mitteln finanzierte FIKA-Projekt, in dessen Rahmen zwei für das Feld prägende, frei verfügbare Publikationen entstanden sind, die einige der wichtigsten Stimmen des Diskurses versammelten und den Begriff erstmals systematisch aufarbeiteten (Dalborg und Löfgren 2016a, 2016b).

Im deutschsprachigen Raum hat sich der Begriff Cultural Leadership vor allem ab Mitte der 2010er Jahre nach und nach etabliert. Einen Impuls dazu hat u.a. die 2018 am Institut für Kultur- und Medienmanagement KMM in Hamburg ausgerichtete 11. Jahrestagung des Fachverbands Kulturmanagement mit dem Tagungsthema „Cultural Leadership“ gegeben. In deren Folge entstanden zunehmend auch deutschsprachige Publikationen, die explizit mit dem Begriff arbeiten – von wissenschaftlichen Sammelbänden und Fachzeitschriften (Schütz 2017; Höhne und Tröndle 2019; Kulturpolitische Gesellschaft 2022) bis hin zu erster praxisorientierter Fachliteratur (Hausmann 2019; Hausmann 2020; Weintz 2020).

Literatur

  • Dalborg, Karin und Mikael Löfgren, Hrsg. 2016a. The Fika Project: Perspectives on Cultural Leadership. Göteborg: Nätverkstan Kultur.
  • Dalborg, Karin und Mikael Löfgren, Hrsg. 2016b. The Fika Project. Narratives by Cultural Change Makers. Göteborg: Nätverkstan Kultur.
  • Kay, Sue und Katie Venner, Hrsg. 2010. A cultural leadership reader. Purfleet: Creative Choices.
  • Leicester, Graham. 2007. Rising to the Occasion: Cultural leadership in powerful times.
  • Price, Jonathan. 2016. The discourse of cultural leadership. Aberdeen: Robert Gordon University.
  • The International Federation of Arts Councils and Culture Agencies (IFACCA). 2017. Cultural Leadership in the 21st Century. D’Art Topics in Arts Policy, 52. Sydney: NSW
  • Troidl, Marlene und Martin Zierold (2024). Cultural Leadership als Schlüsselbegriff transformativer KulturpolitikIn Handbuch Kulturpolitik.